Letztes Update am Mi, 10.01.2018 13:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tirol eröffnete Spezialbereiche

Hall in Tirol (APA) - Immer mehr Kinder und Jugendliche in Österreich werden aufgrund von seelischen Erkrankungen behandelt. In Hall bei Innsbruck hat die neue Kinder- und Jugendpsychiatrie nun vier Spezialbereiche eröffnet, um Betroffenen gezielter helfen zu können. Ein neuer Abhängigkeitsbereich ist bundesweit der erste seiner Art.

Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich weisen laut Kathrin Seveke, Primaria der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landeskrankenhaus Hall, psychosomatische Symptome auf. Etwa die Hälfte von ihnen müsse behandelt werden, Tendenz steigend. Bei Kindern zeigten sich vor allem emotionale Störungen und Verhaltensstörungen, bei Jugendlichen Depressionen, Ess- und Angststörungen. Die wachsenden Zahlen lägen zum einen an gezielteren Diagnosemöglichkeiten, aber auch an einer sich wandelnden Gesellschaft und neuen Phänomenen, etwa in den Medien.

Immer noch seien psychische Krankheiten jedoch ein Tabuthema und betroffene Kinder und Jugendliche unterdiagnostiziert: „Ein Schnupfen fällt den Eltern sofort auf. Bei Angst- oder Essstörungen warten sie meist jedoch sehr lange, bevor sie handeln“, erklärte die Oberärztin bei einer Presseführung durch die neuen Räumlichkeiten der Klinik. Mit der im November vergangenen Jahres eröffneten neuen Kinder- und Jugendpsychiatrie, die bewusst freundlich und offen gestaltet sei, wolle man Transparenz nach außen schaffen und Berührungsängste nehmen. Eine besondere Rolle komme dabei den vier Spezialbereichen zu, die Mitte Jänner in Betrieb genommen werden.

In den Unterbringungsbereich sollen zukünftig solche Jugendliche kurzfristig aufgenommen werden, die starkes selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten zeigen. „In den lichtdurchfluteten Räumlichkeiten wurde auf Gitter oder Doppelglas verzichtet, um den Jugendlichen nicht das Gefühl zu geben, eingesperrt zu sein“, erklärte Markus Aßmann, Leitender Diplompfleger der Einrichtung. Auch ein eigener Außenbereich zur freien Nutzung sei vorhanden.

Der neue Abhängigkeitsbereich ist der erste seiner Art in Österreich. Hier werden erstmals sowohl Jugendliche mit stoffgebundenen als auch mit nicht-stoffgebundenen Süchten - also etwa der Computer- oder Medienabhängigkeit - aufgenommen. Letztere seien besonders dann gefährlich, wenn sie sich etwa auf den Tag/Nacht-Rhythmus oder den Schulbesuch der Jugendlichen auswirkten, so Seveke: „Auf diesen Bereich sind wir besonders stolz, da wir hier neue Phänomene mit modernsten Erkenntnissen und Therapiekonzepten behandeln können.“

Im Eltern-Kind-Bereich stehen fünf Apartments zu Verfügung, in denen ein Elternteil gemeinsam mit einem oder zwei Kindern wohnen kann. Hier sollen vor allem kleine Kinder mit sogenannten „Bindungs- oder Interaktionsstörungen“ behandelt werden. Die Tagesklinik für Persönlichkeitsstörungen mit integrierter Schule schließlich nimmt Kinder und Jugendliche tagsüber zur Therapie auf.

Insgesamt 37 Betten und weitere sechs Tagesklinikplätze stehen in der mit 20 Millionen Euro vom Land Tirol finanzierten Klinik zu Verfügung. Im Durchschnitt verbringen die jungen Patienten 33 Tage dort. Schon jetzt stünden 70 Kinder und Jugendliche auf der Warteliste, so Seveke. Der Bedarf sei groß, sagte auch Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) gegenüber der Presse: „Ein weißer Fleck in Tirol wird nun geschlossen.“ Die neue Klinik sei ein „Meilenstein“ für das Bundesland und habe „Modellcharakter“ für ganz Österreich.


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