Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.09.2018


Landwirtschaftskammer warnt vor Bergbauernsterben

Die Marke „Zurück zum Ursprung“ will ab 2022, dass ihre Milchproduzenten nur noch Kühe in Laufställen halten. Landwirtschaftskammerboss Hechenberger warnt vor einem Bergbauernsterben: Der Kampf ist eröffnet.

© iStockphotoTäglicher Auslauf und jetzt auch der Laufstall? Bauernkammerchef Hechenberger stellt den Nutzen infrage, denn Tirols Bauern hätten stets das Tierwohl im Auge.Fotos: iStock, Edler von Rabenstein/ddp images

Von Manfred Mitterwachauer und Peter Nindler

Innsbruck – Wie steht es um den Wohlfühlfaktor heimischer Kühe? Ein Aspekt, den die Marketingexperten der großen Lebensmittelketten immer mehr in den Mittelpunkt stellen. Herkömmliche Milch reicht nicht mehr aus: Bio, Heumilch oder Bio-Heumilch soll es sein, um die Konsumenten zum Griff in die Kühltheke zu verleiten. Und seit heuer wirbt die Hofer-Marke „Zurück zum Ursprung“ überdies damit, dass die Tiere ihrer Milchproduzenten 365 Tage im Jahr Auslauf haben.

Darüber schüttelt Tirols Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger bereits den Kopf. Seit Kurzem ist Hechenberger auch Vorsitzender des Milchausschusses der österreichischen Landwirtschaftskammer. Da, wo er nicht mehr mitkann, ist der jüngste Vorstoß von „Zurück zum Ursprung“: „Ab 2021 soll ein Laufstall vorgeschrieben werden – zusätzlich zum täglichen Auslauf.“ Im Sinne der Lieferanten kommt eine Laufstallpflicht für ihn nicht in Frage: „Dagegen werden wir österreichweit geschlossen aufstehen. Wir können nicht jede Forderung, die vom Großhandel kommt, 1:1 erfüllen.“ Sein Vorwurf: „Das Tierwohl ist nur vorgeschoben.“ Das soll nun eine wissenschaftliche Studie untermauern, die Hechenberger in Auftrag geben will.

Tirolweit liefern laut Hechenberger 638 Betriebe der zur Berglandmilch gehörenden Tirol Milch für die Marke „Zurück zum Ursprung“ zu. Die Berglandmilch ist der Partner. „Die Hälfte der Biobauern und Kleinbetriebe wird zusperren, wenn die Laufstallpflicht kommt“, schätzt Hechenberger. Allen voran die vielen Bergbauernbetriebe. Investitionen im sechsstelligen Bereich seien für sie nicht tragbar. Die Bauernkammer könne auch nicht dazu raten, würden doch viele von ihnen damit in eine Schuldenfalle tappen. Die Folge sei klar: Die Milchproduktion würde sich verstärkt vom Berg ins Tal verlagern. Weil dort die Betriebe größer und finanzkräftiger seien – folglich noch am ehesten den Forderungen des Handels nachkommen könnten.

Hechenberger scheut die Auseinandersetzung nicht. Der Zenit sei erreicht, mehr könnten die Milchbauern nicht mehr schultern. Ihm geht es auch um eine generelle Frage: „Bestimmen jetzt die Marketingabteilungen der Handelsketten die Zukunft der Landwirtschaft?“ .

Der Obmann der Tirol Milch, Stefan Lindner, sieht die Situation deutlich entspannter, verhehlt den Markendruck allerdings nicht. „Mit Milch aus Laufställen ohne Anbindehaltung wird verstärkt geworben.“ Bei der Spezialisierung und im Kampf um Marktanteile gehe es eindeutig in diese Richtung. Bio-Heumilch allein reiche offenbar nicht mehr aus. Bereits seit 2016 gilt etwa für die gesamte Trinkmilch von „Ja! Natürlich“, der Bio-Marke des Rewe-Konzerns, dass sie ausschließlich von Kühen stammt, die niemals angebunden sind. Und deutsche Milch mit dem Markenzeichen „von Kühen aus dem Laufstall“ dränge vermehrt auf den heimischen Markt. Die Milchlieferanten der Tirol Milch, so Lindner, könnten aber frei entscheiden: So hätten 86 Prozent im Unterland gemeint, sie hätten mit dem täglichen Auslauf kein Problem, in Osttirol waren es hingegen nur 60 Prozent.

Eine zentrale Rolle spielt der Preis. Statt 38 Cent brutto für konventionelle Milch bekommen die Bauern 60 Cent pro Liter. Eines ist allerdings auch für Lindner klar: Die Anbindehaltung in den Ställen ist ein Auslaufmodell, wer investiert, „muss das in einen Laufstall tun“. Man könne die Entwicklung sicher nicht negieren. Jedenfalls bestehe von „Zurück zum Ursprung“ der Wunsch, ab 2021 nur noch Milch von Kühen aus Laufställen mit 365-Tage-Auslauf zu veredeln.

„Aus derzeitiger Sicht ist eine Laufstallhaltung unumgänglich.“ Das sagte kürzlich Tobias Metzler, Geschäftsführer der Werner Lampert Beratungsges.m.b.H., im Magazin von top agrar. Lampert ist der Mastermind hinter „Zurück vom Ursprung“. Auf TT-Nachfrage gab man sich gestern diesbezüglich aber zurückhaltender. Lampert: „Für die nächste Förderperiode (Anm. ab 2021) haben wir mit den Molkereien, Interessenvertretern und Verbänden begonnen, all unsere Bauern, die noch Ausnahmeregelungen für Kombinationstierhaltung haben, zu beraten, welche leistbaren Modelle es für die Weiterentwicklung der Ställe gibt.“ Festgeschriebene Termine gebe es noch keine, sagt Lampert. Zunächst werde das 365-Tage-Projekt, das mit 1. Juli 2018 gestartet sei, evaluiert. Ob es für eine allfällige Laufstallpflicht betriebliche Mindestgrößen oder finanzielle Zuschüsse geben werde, könne derzeit „nicht valide beantwortet werden“. Die Zukunft der Bergbauern liegt Lampert aber am Herzen: „Wir haben derzeit ausschließlich Bergbauern als Milchlieferanten und arbeiten daran, dass dies auch in Zukunft so sein wird.“

Milchproduktion

Milchmenge. Insgesamt setzen in Tirol 4500 Betriebe auf die Milchwirtschaft. Die 2017 angelieferte Milchmenge betrug 295,4 Millionen Kilogramm. Die zur oberösterreichischen Berglandmilch gehörende Tirol Milch hat 2980 Milchlieferanten und verarbeitet jährlich nicht weniger als 230 Millionen Kilogramm Milch.

Produktionswert. Der Produktionswert der Tiroler Landwirtschaft beträgt 361,6 Millionen Euro. Davon hat die tierische Produktion einen Anteil von 209,5 Mio. Euro. Auf die Milchproduktion entfallen dabei 66,6 Millionen Euro.

Milchpreis. Der Milchpreis erlebt seit Jahren ein ständiges Auf und Ab. Fast die Hälfte der in Tirol angelieferten Milch ist bereits Spezialmilch. Der Preis für konventionelle Milch macht derzeit 38 Cent/brutto für einen Liter aus. Für Biomilch werden rund 50 Cent gezahlt, für Bio-Heumilch gibt es weitere Zuschläge.



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