Letztes Update am Mi, 12.09.2018 18:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fischhuber: „Nur wenige leben gut vom Klettern“

Anna Stöhr und Kilian Fischhuber prägten das weltweite Boulder-Geschehen. Bei der WM sind die beiden u. a. als Co-Kommentatoren im ORF im Einsatz. Mit der TT sprachen sie über die Entwicklung des Klettersports.

© ischiaAnna Stöhr gewann zwei WM-Titel und 22 Weltcups, ihr Lebenspartner Kilian Fischhuber fünfmal den Boulder-Gesamtweltcup.

Ihre ersten Einsätze als Co-Kommentatoren stießen auf äußerst positives Echo. Gab es auch Momente, wo einem aus der Emotion heraus oder aus einem anderen Grund schlichtweg die Worte fehlten?

Anna Stöhr: Natürlich, wie es generell nicht einfach ist, die richtige Dosis zu finden. Wie viel soll man sprechen? Wann eine Pause einlegen? Vieles macht man halt intuitiv.

Kilian Fischhuber: Wir sind da aber bei Norbert Belina (ORF-Kommentator, Anm.) in besten Händen, wenn man so will. Norbert, der das Klettern seit Jahren betreut und genau weiß, wovon er spricht, führt durch die Sendung und wir versuchen eben dies und das aus Athletenperspektive zu erklären. Warum klettert der eine so kraftvoll, der andere beinahe spielerisch, warum kann man Griffe auf unterschiedliche Art und Weise lösen – derlei Fragen versuchen wir auf den Grund zu gehen.

Während sich der TV-Zuseher im – sagen wir – alpinen Skisport auskennt, ist das im Klettern eher nicht der Fall?

Fischhuber: Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit. Einerseits die fachkundigen Kletterfans nicht zu langweilen, zum anderen jene Zuseher, die das erstmals vor dem Bildschirm mitverfolgen, nicht mit zu vielen Expertisen zu überfrachten.

Viele, die das erste Mal hier im Kletterzentrum eine WM-Qualifikation oder in der Olympiaworld ein Halbfinale oder Finale mitverfolgt haben, sind ins Schwärmen geraten. Man hat das Gefühl, dass der Sportsgeist im Klettern noch recht unverfälscht ist.

Fischhuber: Gerade hier in Innsbruck, in Tirol, ist der Klettersport in den vergangenen Jahrzehnten natürlich gewachsen. Mit Leuten, die den Sport in die richtige Richtung getrieben haben. Ob das der Reini Scherer war und immer noch ist, oder die jetzigen Macher um Heiko Wilhelm und Michael Schöpf. Da sind Leute mit Herzblut bei der Sache. So professionell, wie das Ganze inzwischen aufgestellt ist, diese Leute packen immer noch an, wo es notwendig ist, und helfen zusammen. Das macht es aus.

Stöhr: Und das ist bei den Athleten sehr ähnlich. Ich war heuer verletzungsbedingt bei keinem Weltcup mehr dabei, aber für mich waren diese ersten WM-Tage wie Heimkommen. Es sind so viele Athleten und Athletinnen auf mich zugekommen, haben sich erkundigt, wie es mir geht, und es war einfach nur schön.

Fischhuber: Ich glaube, dass die Kletterer generell eine sehr liberale Truppe sind. Die meisten kommen viel in der Welt herum, haben da und dort Freunde oder gute Bekannte. Deshalb gibt es bei uns dieses nationalistische Denken nicht wirklich. So mega der WM-Auftakt aus österreichischer Sicht auch war, ich hätte mich auch über Erfolge der anderen freuen können.

Stöhr: Das heißt nicht, dass im Kletterlager nur gekuschelt wird. Ganz klar: Jeder, der das Zeug dazu hat, möchte gewinnen und versucht, alles für den Erfolg zu tun. Aber abseits der Wettkämpfe verfolgen wir alle dieselbe Leidenschaft – und das schweißt irgendwie zusammen.

Fischhuber: Und was nicht unterschätzt werden sollte: Im Klettern sind Damen und Herren stets gemeinsam auf Wettkämpfen, egal, ob Weltcup, Europacup, Jugendbewerbe bis hin zu Kinderklettern.

Stöhr: Dadurch wird eine natürliche Gleichberechtigung gelebt. Es gibt auch keinerlei Unterschiede bei den Preisgeldern.

Fischhuber: Das ist im Klettersport irgendwie so logisch.

Vielleicht auch, weil das große Geld diesen Sport noch nicht verseucht hat?

Fischhuber: Mag sein. Es gibt einige wenige Szenestars, die schon gutes Geld verdienen. Natürlich nicht in dem Ausmaß, wie man es aus dem Tennis-, Golf- oder Fußballlager kennt. Ich würde sagen, dass die Top Ten im Weltcup vom Klettersport leben können und sich je nach Nation und Verhandlungsgeschick auch etwas ansparen können. Der eine mehr, der andere weniger. Das heißt aber auch, dass viel mehr Athleten auf die Förderung von Verbänden oder anderer Institutionen angewiesen sind. Und es gibt genügend, die quasi von den Eltern gesponsert werden.

Stöhr: In den USA tun sich viele leichter, weil auch der Markt größer und das Felsklettern sehr populär ist. Aber gerade die Slowenen, die immer wieder tolle Kletterer hervorbringen, tun sich mit wenigen Ausnahmen schwer.

Fischhuber: Bei Jernej Kruder zum Beispiel weiß ich, dass er wirklich hart um entsprechende Unterstützung kämpfen muss. Und da reden wir von einem (Slowenen, Anm.), der heuer den Boulder-Gesamtweltcup gewonnen hat.

Was bekommt man überhaupt für einen Weltcupsieg?

Stöhr: 3000 Euro. Aber dafür musst du der oder die Beste sein. Dahinter fällt das Preisgefüge rapide ab.

Das Gespräch führte Max Ischia



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