Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.08.2018


Eine „Neugiersafari“ in bewegte Zeiten

Hochmusikalische Auftritte, tiefgründige Ausführungen und launige Grüße: Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete gestern die 42. Festwochen der Alten Musik. Jürgen Flimm beschwor in seiner Festrede die Kraft des Fortschritts.

© Die FotografenEin Appetitmacher zum Anfang: Das Duett „E quando sarà dì“ stimmte auf die heurige Barockoper:Jung „Gli amori d’Apollo e di Dafne“ ein.

Innsbruck – Die heurigen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sind eröffnet. Am Abend ging im Tiroler Landestheater die Premiere der Oper „Didone abbandonata“ über die Bühne – eine Besprechung lesen Sie morgen in der TT. Bereits am Freitagvormittag fiel im Spanischen Saal von Schloss Ambras der offizielle Startschuss für die 42. Auflage des traditionsreichen Tiroler Musikfestivals.

Die Eröffnungsrede hielt der vielgepriesene Regisseur Jürgen Filmm. Flimm zeichnet auch für die Inszenierung der „Didone“ verantwortlich.

In seinen Ausführungen zum heurigen Festwochen-Thema „Bewegte Zeiten“ erinnerte der 77-Jährige an Galileo Galilei, zu dessen Zeiten „alte Ansichten zu verbleichen begannen“. „Aufregende Zeiten, die Welt geriet in bewegte Erregung, die von Erkenntnis getragen war. Und auch die Klänge wurden anders“, leitete Flimm zum Programm des Festivals über. Die Auswahl an Künstlern zeige, wie nah die Festwochen am Puls dieser „umwerfenden Zeit“ sind. Einer Zeit, der man „voller Neugier und mit offenen Armen“ begegnen müsse. „Lasst also ab, ihr Griesgrame, ihr Schwarzseher, ihr Spaßbremsen und Bedenkenträger, kommt mit uns auf eine Neugiersafari“, forderte Flimm das Publikum auf. Nur wer in Bewegung bleibe, bleibe Teil der Welt, Stillstand sei ein „fataler Irrtum“: „Der Fortschritt ist immer da, den kann man weder einsperren noch ihm das Maul zukleben, er kommt und bleibt und bewegt. Wir müssen ihm offengeistig begegnen.“

Auch Bundespräsident Van der Bellen, der die Innsbrucker Festwochen offiziell eröffnete, bezog sich auf die „Bewegten Welten“ und erzählte launig aus dem Jahr 1968, dem Jahr der Studentenunruhen und seinem ersten Jahr als Uni-Assistent in Innsbruck. „Aus der Rückschau erscheinen die Dinge oft folgerichtig“, so der Bundespräsident. „Ist man aber selbst mittendrin, herrscht Chaos“. Trotzdem sei man gezwungen, Entscheidungen treffen. Entscheidungen, deren Konsequenzen man nicht abschätzen kann. Am Ende bleibe aber immer noch die Kunst. „Wenn alles andere schiefgeht, bleibt wenigstens die. Das ist ein Trost. Gerade für uns Politiker“, sagte Van der Bellen.

Zuvor hatte Kulturlandesrätin Beate Palfrader, die ÖVP-Politikerin feiert heute ihren 60. Geburtstag, die heurige Festwochenoper „Didone“ und deren Vorlage – Vergils „Aeneis“ – in die Gegenwart geholt. Aeneas sei ein kriegsversehrter Flüchtling gewesen, der die Eroberung der Welt anstrebte. Sie prangerte die „männerdominierte Tradition der großen Erzählungen an“, die die Gesellschaft immer wieder an den Rand des Abgrunds getrieben hätten. Dieser gelte es die Verbindlichkeit weiblicher Gegenwart entgegenzustellen.

Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi (Grüne) grüßte gleich hochmusikalisch: Mit dem von ihm geleiteten Chor gab er eine Passage aus Heinrich Schütz’ „Psalm 136“ zum Besten. Und brachte damit auch Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) etwas ins Schwitzen: „Und was machen wir jetzt?“, fragte Platter am Beginn seiner Rede, liebäugelte kurz mit der Idee, künftig mit blasmusikalischer Verstärkung nach Ambras zu kommen – und beschränkte sich „lieber darauf, was man als Landeshauptmann so tut, nämlich auf meine Grußworte“. In seiner Rede beschwor Platter daraufhin die „Kultur des Miteinanders“, die vor 350 Jahren, zu Zeiten der Alten Musik, vorherrschte, als Musiker aus allen Ländern nach Innsbruck kamen. Diese Kultur sei nun wieder spürbar: „Musiker aus aller Welt musizieren in Innsbruck und zeigen, dass Tirol ein weltoffenes Land ist“, erklärte Platter. In der Politik scheine die „Kultur des Miteinanders“ jedoch oft verloren. „Da werden Aussagen getätigt, die die Menschen verunsichern“, meinte der Landeshauptmann und mahnte gleichzeitig eine „Abrüstung der Worte“ ein. „Die Kultur des Miteinanders muss aber die Zukunft unseres Landes sein“, forderte Platter.

Musikalisch war die Eröffnungsfeier klug gestaltet: Festwochen-Leiter Alessandro De Marchi (Cembalo) und Massimiliano Toni (Orgel) zeigten mit einem Stück Severo Giussanis auf, dass auch im 18. Jahrhundert die Grenze zwischen U- und E-Musik fließend waren. Das Duett „E quando sarà dì“ stimmte auf die heurige Barockoper:Jung „Gli amori d’Apollo e di Dafne“ ein – und gleich zum Start grüßten die Innsbrucker Festwochen mit „Pur ti miro! Pur di godo“ aus Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ selbstbewusst und klangschön in Richtung Salzburg. Bei den dortigen Festspielen wird die Poppea am Sonntagabend gekrönt. (jole)



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