Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.01.2018


Die ersten Krisen meistern

Beim Kongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck beschäftigen sich die Experten mit psychischer Krankheit von Babys.

© iStockWenn das Baby nur noch schreit, wissen sich Eltern allein oft nicht mehr zu helfen.

Von Theresa Mair

Innsbruck – Das Baby schreit und schreit und schreit, stundenlang, jeden Tag, über Wochen. Die Eltern sind mit den Nerven am Ende. Sie fragen sich, ob sie etwas falsch machen. 200 Familien wenden sich jedes Jahr an die psychologische Säuglings- und Kleinkindberatung der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck, weil sie nicht mehr weiterwissen.

Sie werden vom Kinderarzt oder der Eltern-Kind-Beratung geschickt, immer mehr kommen aber von selber. „Die Eltern sind aufgeklärter und besser informiert als früher, dadurch aber auch oft unsicher und ängstlicher“, sagt Psychologin Maria Höllwarth, Leiterin der Sprechstunde. Dass sich Eltern heute frühzeitig Hilfe holen, sei gut. Denn: „Frühkindliche Störungen wachsen sich nicht von selber aus“, betont Höllwarth. 40 Prozent der Babys, die in den ersten drei Monaten geschrien haben und nicht behandelt wurden, haben weiterhin Probleme. Gleichzeitig setzt es den Eltern zu, wenn sie es ihrem Kind nicht recht machen können. Manche entwickeln eine Depression.

Die Diagnose „Schreibaby“ kann prinzipiell erst ab dem vierten Lebensmonat gestellt werden. Mitunter auch schon vorher könne zwei Dritteln der Eltern durch ein bis fünf Beratungsgespräche geholfen werden. Manchmal müsse nur an kleinen Rädchen gedreht werden, wie z. B. dem Tagesrhythmus. Andere entlaste schon die Bestätigung, dass sie alles richtig machen. Bei wieder anderen müsse der Familienkontext genauer betrachtet werden. Gesellschaftlicher Leistungsdruck, Doppelbelastung und Existenzängste wirken sich auf die Eltern-Kind-Beziehung aus.

Anlaufstelle

An die Psychologische Säuglings- und Kleinkinderberatung können sich Eltern von Kindern von 0–5 Jahren bei allen Fragen und Unsicherheiten in Bezug auf das Kind und die Elternschaft wenden (z. B. Wochenbettdepression, vermehrtes Schreien, Trotzanfälle oder Trennungsprobleme des Kindes).

Termin: Mag. Maria Höllwarth, Tel. 050504-28364 oder -81170. Kinderzentrum der Uniklinik, Anichstr. 35, Innsbruck. Das Angebot ist kostenlos und vertraulich.

„Gerade das erste Lebensjahr ist sehr krisenanfällig“, sagt Höllwarth. Viele hätten zwar eine Vorstellung vom Elternsein, seien von den tatsächlichen Herausforderungen aber überrascht. Diese „komplexen Wechselwirkungen zwischen kindlichen, elterlichen und familiären Belastungen“ führen ihr zufolge zu vielen kleinen Minitraumata. „Das markiert eine frühe Beziehungsstörung, oft kommt es zu einer Bindungsstörung.“

Bindung und Persönlichkeit sind die Schwerpunktthemen beim 4. Kongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der am Freitag und Samstag an der Innsbrucker Klinik läuft. Es ist „natürlich kein Zufall“, dass sich die 300 Teilnehmer in diesem Jahr den psychischen Störungen im frühen Kindesalter (0 bis 5 Jahre) widmen, sagt Kathrin Sevecke, Direktorin Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Erst am 15. Jänner hat am neuen Standort der Klinik in Hall eine Eltern-Kind-Station geöffnet.

Wenn Säuglinge und Kleinkinder über die ambulante Behandlung mit fünf Gesprächen hinaus eine tiefergehende psychologische Therapie brauchen, können sie ab sofort dort mit einem Elternteil aufgenommen werden.

Dieser „Infance Psychiatry“-Schwerpunkt, also die Kombination von Ambulanz in Innsbruck und Station in Hall, ist laut Sevecke österreichweit einzigartig. Bisher mussten Tiroler Familien für den stationären Aufenthalt nach Bayern überwiesen werden. „In Deutschland und in der Schweiz gibt es bereits sehr viele solche Einrichtungen“, so die Klinikleiterin.

Die Zahlen sprechen dafür: 15 bis 25 Prozent der Null- bis Fünfjährigen sind von einer psychischen Störung betroffen. Das ist in etwa gleich häufig wie bei älteren Kindern.

Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede: „Auffälligkeiten werden häufiger übersehen, zu spät oder gar nicht diagnostiziert, oder als nicht behandlungsbedürftig erkannt“, sagt Sevecke. Weiters spiele der individuelle Entwicklungsverlauf des Kindes sowie die Eltern-Kind-Beziehung bei Babys und Kleinkindern noch eine viele größere Rolle als bei älteren Kindern.

So sei belegt, dass unbehandelte frühkindliche Störungen das Risiko für spätere Erkrankungen wie ADHS, Angsterkrankungen oder externalisierende Störungen erhöhen. In einer Studie mit Mädchen, die an Essstörung leiden, konnte Seveckes Team zeigen, dass bei 25 Prozent in der frühen Kindheit eine desorganisierte Bindung vorlag. Die Eltern-Kind-Station in Hall soll künftig auch der Forschung nutzen. Sevecke plant eine Studie zur frühkindlichen Stressverarbeitung sowie Langzeituntersuchungen zum Therapieerfolg.



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