Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.09.2018


Tausende Fälle von Missbrauch in der Kirche

Auch in Deutschland lässt eine Studie das Ausmaß von Missbrauch in der katholischen Kirche erahnen.

© APA/Hochmuth(Symbolfoto)

Berlin – Seit Jahren wird auch die katholische Kirche in Deutschland immer wieder von einzelnen Missbrauchsskandalen erschüttert. Nun hat die Bischofskonferenz eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. Diese sollte erst am 25. September vorgestellt werden, doch zentrale Inhalte sickerten bereits durch.

Demnach haben die Autoren der Studie in offiziellen Akten aus den 27 deutschen Diözesen Hinweise auf sexuelle Vergehen an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen gefunden. Jedes zweite Opfer sei jünger als 13 gewesen. 1670 verschiedene Geistliche hätten diese Taten begangen. Untersucht wurde der Zeitraum 1946 bis 2014.

Die Kirche wisse um das Ausmaß des Missbrauchs, erklärte der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der für Missbrauchsfragen zuständig ist. „Es ist für uns bedrückend und beschämend.“

Kritiker meinen allerdings, dass die Studie bei Weitem nicht das ganze Ausmaß zeigt. Denn erstens wurden nur die Archive von Diözesen durchsucht, nicht aber jene der Ordensgemeinschaften, in deren Schulen und anderen Einrichtungen sich viele der bisher bekannt gewordenen Skandale abgespielt haben.

Zweitens konnten die Autoren der Studie nicht selbst in den Archiven arbeiten. Sondern das erledigten Mitarbeiter der Kirche, die Kopien von 38.000 Akten weitergaben. In einigen Fällen soll es Hinweise auf die Manipulation von Akten gegeben haben, zitierten Medien aus der Studie. Es wurden auch keine Opfer oder Zeugen vernommen.

Die Erkenntnisse der Autoren sind heikel für die Kirche. Denn sie zeigen eine Kultur der Vertuschung. Auffallend häufig seien Beschuldigte einfach in eine andere Gemeinde versetzt worden, ohne dass diese Bescheid gewusst habe. Die Bereitschaft der Kirche, Täter auch zu bestrafen, müsse „als nicht sehr ausgeprägt“ angesehen werden, heißt es.

Dazu kommt, dass die Fälle bis zum Ende des Untersuchungszeitraums reichen und folglich davon ausgegangen werden muss, dass der Missbrauch weitergeht. Die Studienautoren sehen jedenfalls keinen Anlass zu der Annahme, „dass es sich um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“. (TT, dpa)



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