Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.08.2018


Volle Auftragsbücher, aber Personal ist Mangelware

Hochkonjunktur im Bezirk: Investitionsboom bei den Betrieben, doch mancher Auftrag kann mangels Mitarbeiter nicht ausgeführt werden.

© DählingMartina Entner und Stefan Bletzacher freuen sich über die gute Wirtschaftslage in Schwaz. Sorgen bereitet der Fachkräftemangel.Foto: Dähling

Von Angela Dähling

Schwaz – „Die Stimmung ist super, die Auftragslage bis weit ins nächste Jahr hinein auch.“ So lautet gemäß der Schwazer Wirtschaftskammer-Obfrau Martina Entner kurz gesagt die Halbjahresbilanz zum Wirtschaftsstandort Schwaz. Wurde nach der Wirtschaftskrise 2008 nur verhalten in das Allernötigste investiert, schwappe der Trend zu Großinvestitionen, der Mitte letzten Jahres bei Großbetrieben begann, jetzt auch auf Kleinbetriebe über. „Und bei uns im Bezirk zählen 90 Prozent zu diesen Betrieben mit maximal neun Mitarbeitern“, informiert WK-Geschäftsführer Stefan Bletzacher.

Die Konjunktur ließ die Zahl der Arbeitslosen im Bezirk weiter sinken – mit Ende Juli auf drei Prozent (Tirol: 3,3 Prozent). Das sei der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Gleichzeitig sind im Bezirk so viele unselbstständig Beschäftigte wie nie zuvor, sagt Entner. Nämlich 38.770 – das sind 2,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet und vor allem im Handwerksbereich, speziell im Bau- und Baunebengewerbe, kämen die Firmen mit der Arbeit nicht mehr nach. „Bei Ausschreibungen muss man teilweise froh sein, wenn überhaupt ein Angebot gelegt wird. Ohne Subunternehmen geht es im Baugewerbe nicht mehr“, weiß Bletzacher. Immer häufiger müssten Aufträge sogar abgesagt werden, weil das nötige Personal fehle. Wirkt sich der Wirtschaftsboom auch auf die Löhne aus? Entner glaubt schon. „Viele zahlen weit über Kollektiv. Und wo viel gearbeitet wird, soll auch viel verdient werden“, meint sie. Die Mitarbeiter können sich jetzt die Betriebe aussuchen, darauf müsse man sich als Unternehmer einstellen. Das gelte speziell auch im Tourismus, wo im Mai und Juni eine Nächtigungssteigerung von insgesamt drei Prozent im Bezirk erzielt wurde und 906.000 Nächtigungen gezählt wurden.

Auf Hochtouren werde daran gearbeitet, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, und dabei vor allem Richtung Ostösterreich geblickt. Denn während in Tirol Vollbeschäftigung herrscht, liege die Arbeitslosigkeit in Wien bei 11,8 Prozent, betont Entner. „Wir hätten in Österreich Fachkräfte, aber nicht dort, wo wir sie brauchen“, sagt die Hotelierin. Man arbeite an einem Monitoring, um zu eruieren, wo es arbeitslose Fachkräfte gibt und wo sie gebraucht werden. „Daher müssen die Zumutbarkeitsbestimmungen gelockert werden“, fügt sie an. Derzeit sei etwas über eine Stunde Fahrzeit zur Arbeitsstelle zumutbar, Familie und Haustiere würden als Gründe angeführt, entferntere Arbeitsplätze nicht anzunehmen. Mehr Bereitschaft zur Mobilität und Flexibilität sei nötig, meinen die Kämmerer. Oft geht es nur um kurzzeitige Beschäftigungen. Ein Koch, der an einem Wochenende benötigt wird. Bauarbeiter, die bei einem Projekt zwei Wochen durcharbeiten.

Auch im Ausbildungsbereich sieht die WK großes Potenzial durch neue Schwerpunkte. Entner: „Wir fordern mehr Digitalisierung im Lehrberuf. Und zwar in allen Branchen.“ Um das Internet komme keiner mehr herum und hier gelte es, die Lehrlinge fit zu machen. Die Lehre werde attraktiver, wenn man diesem Zeitgeist Rechnung trage. Und die Firma profitiere von dem digitalen Wissen der Lehrlinge, sagt Bletzacher.



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